Data Governance für SAP-Berater

Das Management von Implementierungsprojekten gestaltet sich äußerst umfangreich und involviert die unterschiedlichsten Abteilungen in Unternehmen. Ein weiterer, nicht weniger relevanter Punkt ist dabei das Management von Daten – Data Governance. Warum wird das Thema jetzt immer relevanter für Unternehmen und was bedeutet das für die bestehende IT-Landschaft? Im Interview mit André Weller, Senior Manager SAP Analytics bei ISR Information Products AG, sprechen wir über die verschiedenen Aspekte rund um Data Governance und die Rolle des SAP-Beraters.

1. Herr Weller, im ersten Interview haben wir über die Implementierungsprojekte bei verschiedenen Unternehmen gesprochen. Woher kommt die Relevanz des Themas Data Governance und warum wird es für Entscheider ein immer wichtigeres Thema?

Aus der Historie heraus gesehen ist das schon ein undankbares Thema und auch nicht jedem sofort geläufig. Der Punkt ist: Wenn Data Governance sauber aufgesetzt ist, „passiert“ nichts – und das ist der Sinn der Sache. Grundsätzlich gesehen wird das Thema Data Governance in Unternehmen in der Regel zu spät angegangen, da die Notwendigkeit (zunächst einmal) nicht erscheint. Doch wenn der Berg an Daten immer größer wird, nehmen auch Datenprobleme immer weiter zu. Und das kann ins Unermessliche wachsen: Es werden immer mehr Kundenadressen falsch angelegt und demnach auch falsch angeschrieben; Absatzmengen werden falsch erfasst, aufgrund dessen werden unkorrekte Bestellungen ausgeführt; gut laufende Produkte werden versehentlich aus dem Sortiment genommen. All das kann auf Basis falscher Daten passieren, die letztlich massive Auswirkungen auf den Unternehmensumsatz haben können.

Wirft man einen Blick in die Vergangenheit, wird deutlich, dass früher - wie z.B. in einem Tante Emma Laden - weniger Produkte vorrätig waren und es auch kein Lager gab. Sicherlich wäre damals schon das Lager mit einer entsprechenden Organisation sinnvoll gewesen, allerdings hatten Kunden damals auch noch eine andere Erwartungshaltung und die nicht sofortige Verfügbarkeit war kein „Wettbewerbsnachteil“. Blickt man nun wieder auf unsere heutige Zeit, wird schnell klar, dass es eine grundlegende Veränderung gab: Wir haben heutzutage viele sehr schnelllebige Produkte auf dem Markt. Sobald bspw. IT-Produkte zum Verkauf stehen, sind sie bereits wieder veraltet. Der damit einhergehende Wettbewerbsdruck ist für Unternehmen deutlich spürbar und vor dem Hintergrund dieses Wettbewerbsdrucks ist es nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, gute Daten an der Hand zu haben. Mit Covid-19 und der DSGVO wurde zudem eine neue Aufmerksamkeit für das Thema Data Governance geschaffen. Diese Veränderungen merken auch wir in unseren Projekten immer stärker, da wir von den Endkunden vermehrt auf das Thema Data Governance angesprochen werden.

2. Um welche Art von Daten geht es im Hinblick auf Data Governance?

Im Unternehmen geht es natürlich einerseits um die bereits angesprochenen intern vorhandenen Daten, andererseits aber auch um externe Daten. Das sind bspw. im Internet abgegebene Produktbewertungen. Diese werden heutzutage zur Entwicklung der Produkte hinzugezogen – und auch da kommt Data Governance ins Spiel, um sicherzustellen, dass diese entsprechend eines bestimmten Formats bereitgestellt und genutzt werden. Ferner muss man über produkt- oder dienstleistungsbezogene Daten hinaus denken, denn auch das Thema Bewerber- und Mitarbeiterdaten spielt mit hinein. Aufgrund der Komplexität von Daten hilft vor allen Dingen die langfristige Sicht auf das Thema Data Governance.

Mithilfe unterschiedlicher Daten können also die richtigen Entscheidungen getroffen werden, die die gewünschten Auswirkungen auf das Unternehmen haben. Das gilt allerdings nicht nur für den Handel, sondern zieht sich durch alle Branchen durch – sei es z.B. in den Bereichen Dienstleistung oder Bankwesen. Klar ist: Data Governance sollte auf jeden Fall auf die Unternehmensagenda. Wichtig dafür ist ein klares Kommittent von der Führungsebene, um das Thema unternehmensweit zu etablieren und Verständnis zu schaffen. Denn wie es um die Datenqualität bestellt ist, merkt man leider erst dann, wenn es dem Unternehmen nicht mehr so gut geht.

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Bei Data Governance geht es grundsätzlich um den Umgang mit bzw. das Management von Datenbeständen und beschreibt demnach die strategische Führung. Dabei werden beispielsweise Verantwortlichkeiten, Rollen und Prozesse in Unternehmen festgelegt. Die operative Umsetzung erfolgt über das Data Management.

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3. Was hat es in dem Kontext Data Governance mit der Rolle des Data Steward auf sich?

Ein Data Steward hat grundsätzlich gesagt die Verantwortung für Daten und deren Qualität. Dabei ist diese Person nicht nur ein Ansprechpartner, der Daten bereinigt, sondern trägt auch die Verantwortung darüber, dass Prozesse und der Single Point of Truth eingehalten werden. Wenn außerdem neue Daten hinzukommen oder weiterentwickelt werden, kümmert er sich darum, dass das unter gewissen Regularien passiert. Wichtig ist dabei zu beachten, dass sich die Rolle des Data Steward von der Rolle des Data Owners unterscheidet. Ein Data Steward muss den Überblick über Systeme und deren Schnittstellen haben!

4. Wie sollten sich (SAP-)Berater auf das Thema Data Governance einstellen?

Wichtig ist zunächst, dass wir nicht nur die Rolle des SAP-Beraters vor Augen haben, denn egal ob es der SAP-, CRM-, Modul- oder BI-Berater ist: Es trifft alle, da Daten in jedem System und damit in jedem Bereich vorhanden sind. Blicken wir auf den Bereich Analytics und BI wird deutlich, dass die Virtualisierung der Daten immer wichtiger wird. Dabei gab es in der Regel viele Layer und die Modellierung wurde so angelegt, dass die Daten immer wieder abgelegt wurden. Genau von dieser Denkweise muss man weg kommen. Genauso muss man sich als Berater auch dem Thema Data Lineage stellen und dies in der jetzigen und zukünftigen Zeit immer mehr gewährleisten können. Denn wenn ein Kunde zu einer Zahl im Frontend wissen möchte, wie sich diese im Quellsystem zusammensetzt, muss der Berater diese Frage auch beantworten können. Gibt es bereits eine etablierte Data Governance Abteilung und sogar Data Steward, muss man also dementsprechend auch einem Data Steward sagen können, wo die verschiedenen Daten liegen – also ihm gegenüber beratend tätig sein. Das gilt natürlich nicht nur im SAP-Bereich, sondern auch für die anderen Systeme.

Der Austausch ist für einen (SAP-)Berater zudem wichtig, da dieser die Architektur und die Modellierung entsprechend der Regularien der Data Governance Abteilung ausrichten muss. Das ist für SAP-Berater auf jeden Fall ein wichtiger Skill, mit dem sie sich beschäftigen müssen.

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ISR Information Products AG ist ein Komplettanbieter für die Analytics und Prozess-Digitalisierung. Mithilfe von ganzheitlichen und zugeschnittenen IT-Lösungen wird die Nutzung von wirtschaftlich relevanten Daten für Unternehmen möglich gemacht. Die Leistungen der ISR sind dabei: Strategieberatung, Umsetzungsberatung & Realisierung, Application Management sowie Trainings & Workshops.

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5. Wird es Ihrer Meinung nach im SAP-Kontext noch mal neue Rollen geben? Wird SAP selbst neue Rollen schaffen?

SAP selbst merkt bereits, dass es immer mehr Anfragen in dem Bereich Data Governance gibt. S/4HANA bringt sogar eine Data Governance Komponente mit Prozessregeln und -analysen sowie einer App raus. Es gibt auch bereits Global Player, die das anbieten. Doch dabei geht es auch um die Integration: In den SAP-Produkten habe ich viele Informationen vorliegen, die ich für Data Governance brauche - diese muss man nur heraus lösen und nutzen. Bis es bei SAP soweit ist, kann das natürlich noch etwas dauern – auch, wenn es Zukäufe gibt.

Dass es eigene Rollen geben wird, kann durchaus passieren, wenn es bspw. um den Aufbau eines gesamten Data Governance Bereich geht. Hierbei kann man sich gut ein eigenes Beraterbild vorstellen. SAP-Beratern ist auf jeden Fall geraten, offen für das Thema zu sein. Meiner Meinung nach wird das Thema Data Governance jeden irgendwann treffen. Man sollte vor allen Dingen die Basis kennen und wissen, worauf es ankommt. Dazu gehört es, den Fokus, die Aufgaben und verschiedenen Rollen sowie Anforderungen an die IT zu kennen – so gut zu kennen, dass Architektur- und Modellierungsentscheidungen darauf aufbauend getroffen werden können.

Vielen Dank für das Interview, Herr Weller.