Die Zukunft der SAP-Landschaft & -Beratung

Digitalisierung und die Vereinfachung von Prozessen: Was bedeutet das für den Bereich der Technik? Klar ist, dass die Künstliche Intelligenz und Business Intelligence viele interessante Möglichkeiten für Unternehmen mit sich bringen. Doch wie gehen Unternehmen mit den Trends um und wie nutzen sie die neu verfügbaren Optionen? Im Interview mit Daniel Eiduzzis, Manager Alliance & Business Development bei der initions GmbH, sprechen wir über den aktuellen Stand der SAP-Landschaft in Unternehmen und geben einen Ausblick für die Rolle des SAP-Beraters.  

In unserem ersten Interview mit Herr Eiduzzis haben wir unter anderem über die Vielfalt an IT-Produkten gesprochen, die Unternehmen für die Abwicklung von Prozessen nutzen können.  

1. Herr Eiduzzis, jetzt werfen wir nach einigen Monaten einen neuen Blick darauf: Inwiefern nutzen die Unternehmen aus Ihrer Sicht die Option unterschiedlicher Stacks? 

Ich kann aus heutiger Sicht feststellen: das passiert. Immer mehr Unternehmen, die sich in einem breit aufgestellten SAP-Applikations-Universum bewegen, schauen sich in punkto Data & Analytics mittlerweile häufiger nach rechts und links um. Es ist noch keine Massenbewegung, dennoch ist es ein klarer Trend. 

Über kurz oder lang müssen sich die Anwendungsunternehmen mit den nächsten SAP-Entwicklungsstufen in Form von Release-Wechseln und Cloudmigration auseinandersetzen. Dabei wird dieses Momentum genutzt, um hinter die BI-Architektur die Sinnfrage zu stellen und mögliche Alternativen außerhalb des gewohnten SAP-Stacks zu eruieren. 

Eine hybride Architektur ist auch durch die neue Offenheit der HANA-unterstützen SAP-Landschaft gut zu bewerkstelligen. Diese Option machen sich mehr und mehr Anwender zu eigen. Der Best-of-Bread Ansatz kann nun in die Praxis umgesetzt werden. 

2. Was überrascht Sie dabei ganz besonders, wenn Sie hören, dass Unternehmen das BW ablösen wollen? 

Ich war selbst viele Jahre im SAP BW-Umfeld tätig und habe u.a. als SAP BI Consultant gearbeitet. Insbesondere im deutschsprachigen Raum gab es beinahe eine 1:1-Beziehung bei Unternehmen, die SAP ERP im Einsatz haben und in der Folge auch SAP BW nutzen. Dafür gibt es gute Gründe, die vor allem in der Integration und dem stabilen Betrieb einer SAP-homogenen Architektur zu finden sind. Die Flexibilität und auch die Performance im Data Warehouse-Umfeld war hingegen nie ein überzeugendes Verkaufsargument für das SAP BW. Meines Erachtens hat man den Kunden durch regelmäßige Produkt-Strategiewechsel einiges zugemutet und war sich aus SAP-Sicht etwas zu sicher, dass die SAP BW-Kunden bei der Stange bleiben werden. 

Daher überrascht mich nicht die Tatsache, dass mehr und mehr Unternehmen sich nicht nur nach Alternativen umschauen, sondern sich auch aktiv dafür entscheiden. Mich überrascht außerdem ein wenig das Tempo. Ich hätte gedacht, dass dieser Prozess noch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Doch inzwischen hat sich in diesem Punkt eine gewisse Dynamik breitgemacht. 

3. Was ist von SAP selbst zu erwarten? Holen sie sich die verlorenen Marktanteile zurück?

Man muss der SAP zugestehen, dass das hin und her im eigenen Data & Analytics Produktkatalog nachgelassen hat. In der jüngeren Vergangenheit konnte eine gewisse Stabilität und damit auch Konsolidierung ausgemacht werden.  

Nicht wenige Kunden haben völlig zu recht kritisiert, dass es keine vertrauensfördernde Strategie ist, wenn man ein Projekt mit einem Tool Setting beginnt und binnen kürzester Zeit diese Instrumentarien von der SAP wieder abgekündigt werden. Damit haben auch die Kunden intern massive Schwierigkeiten in der Argumentation, warum man auf den SAP Werkzeugkasten setzen sollte. 

SAP wird mit der SAP Analytics Cloud eine Plattform etablieren, die funktional Mehrwerte gegenüber den Platzhirschen Power BI, Tableau oder auch Qlik bieten wird. Das ist auch nötig. Denn in punkto Self-Service und Design, hat man das Rennen im BI-Frontend-Vergleich schon lange verloren. Zusätzliche Angebote, wie Planung und Konsolidierung, könnten den einen oder anderen Kunden motivieren, doch im SAP Stack zu bleiben oder gar einen Schwenk zurück zu wagen. 

4. Einige ausgewählte Unternehmen leisten sich für bestimmte Themen einen intern abgebildeten Proof of Concept (PoC), um die Optionen und State-of-the-Art Lösungen am Markt zu prüfen – Inwiefern schätzen Sie diese neue Entwicklung ein? 

Einen PoC durchzuführen ist grundsätzlich sinnvoll. In diesen Kurzprojekten können ideal erste Erfahrungen und elementare Erkenntnisse für die späteren Projektphasen gesammelt werden. Wir starten auf diese Weise selbst häufig in Projekte. Man muss hier aber auch sehen: In der Regel sprechen wir am Markt von Architekturen, die teilweise bereits 15 oder 20 Jahre alt sind. Im PoC ist es demnach auch wichtig, nicht nur technische Aspekte auf die Probe zu stellen, sondern auch auf die Veränderungen in den Geschäftsprozessen zu blicken, die es zu überführen gilt. Damit kommen wir dann auch schnell in den Bereich von Green- oder Brownfield Migrations-Projekten. Wenn man aber sichergehen möchte, eine saubere und belastbare Projektplanung zu aufzusetzen, sollte man einen PoC voranstellen.  

Die Tatsache, dass Unternehmen Proof-of-Concepts heutzutage vermehrt intern bewerkstelligen, hat auch etwas mit dem Reifegrad zu tun. Viele Unternehmen wollen sich von einer allzu großen Abhängigkeit von externen Dienstleistern lösen. Sich für bestimmte Aufgaben noch jemand von extern reinzuholen ist ja trotzdem nicht ausgeschlossen, aber letztlich kennt niemand die internen Abhängigkeiten so gut wie die eigenen Mitarbeiter. Und Unternehmen sind grundsätzlich gut beraten, viel Know-how auf den internen Schlüsselpositionen zu halten. Größere Häuser installieren sich außerdem Soft Labs, um beispielsweise permanent in Kurzprojekten und PoCs technische Neuerungen und deren Auswirkungen auf das eigene Unternehmen zu challengen – damit lassen sich dann natürlich auch Wettbewerbsvorteile erschließen.  

5. Was bedeuten die Veränderungen in der (SAP-)Landschaft für das Change Management in Unternehmen?

Diese grundlegenden Veränderungen zeigen einmal mehr, wie wichtig das Thema Change Management für die unterschiedlichen Bereiche und damit auch für das Unternehmen als solches ist. Das Change Management in der IT ist jedoch besonders wichtig. Hierbei bedarf es einen belastbaren Plan, der aufzeigt, wie mit den bestehenden Kapazitäten am besten umgegangen wird. Ich selbst habe zwölf Jahre auf Kundenseite gearbeitet. Ich kenne die Kapazitäten und Ressourcen in IT-Abteilungen. Gerade in Großkonzernen findet man nicht selten Mitarbeiter, die 25 Jahre und länger im Unternehmen sind. Hier sammelt über die Jahre ein signifikantes Prozesswissen an. Was aber machen Sie mit dem technischen Know-how, das je nach IT-Strategie nicht mehr up to date ist?  

Wichtig ist vor allen Dingen das lebenslange Lernen in die Tat umzusetzen. Einem ABAP-Virtuosen kann man bestimmt neue Herausforderungen und andere Themen schmackhaft machen. Nichtsdestoweniger ist die Entwicklung und Weiterbildung zum JAVA-Programmierer ein Prozess, den man nicht übers Knie brechen kann. 

Hinterfragen Sie sich: Ist es eine Möglichkeit, diesen Mitarbeiter umzuschulen? Ich vermute, dass das nicht für alle Betroffenen die beste Lösung ist. Ein wesentlicher Punkt ist jedoch, dass sich diese Mitarbeiter insbesondere in der Prozessgestaltung sehr gut auskennen, da sie dieses Wissen über Jahre oder sogar Jahrzehnte angeeignet haben – und hier gibt es dann sicher spannende und für beide Seiten gewinnbringende Entwicklungspotenziale.  

Viele Absolventen, die jetzt neu in das Arbeitsleben starten, haben dieses Fachwissen einfach noch nicht. Dafür bringen sie bereits einen ganz anderen Umgang mit Systemen und neuen Werkzeugen mit Data & Analytics Universum mit. Und hier können die Generationen voneinander lernen. Zusammengefasst gesagt: Change Management ist auf jeden Fall ein sehr wichtiges Thema, aber natürlich auch eine große Herausforderung für Unternehmen.  

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Im Jahr 2001 wurde initions als Spin-Off des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität Hamburg gegründet. initions gestaltet und begleitet die digitale Transformation seiner Kunden mithilfe von State-of-the-Art Konzepten und ebnet ihnen so den Weg in die „Next Generation BI“. Mit dem sogenannten „Future Friday“ schafft initions einmal pro Woche einen exklusiven Raum für seine Mitarbeiter, der für Fort- und Weiterbildung reserviert ist und an dem in Hackathons regelmäßig neue Lösungen und Features unterschiedlicher Hersteller eingehend analysiert werden.  

Erfahren Sie jetzt mehr über initions GmbH. 

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6. Welche Konsequenz ergibt sich aus der langfristigen Veränderung der IT-Landschaften für SAP-Berater? 

Meine These lautet: in Zukunft braucht es den SAP-Berater, wie man ihn früher kannte, nicht mehr. Diese Rolle hat ausgedient. Es werden auf der einen Seite Analysten benötigt, die den gesamten Kontext Data & AI besetzen und hier den Kunden in holistischer Weise beraten können. Auf der anderen Seite braucht es Experten für ausgewählte Fragestellungen und Prozesse. Es wird nicht mehr den einen BI-Berater geben, der von der Datenbewirtschaftung, über Reporting bis zur Planung alle Ebenen bedienen kann. Dies ist vor allem in hybriden Architekturen schlicht nicht mehr abbildbar. Vielmehr wird es Experten für die einzelnen Bereiche geben, aus denen mit der Zeit dann Analysten für die ganzheitliche Beratung und Strategie entwachsen. Daher kann ich auch jungen Absolventen nur den Tipp geben, sich zunächst auf ausgewählte Kernbereich zu fokussieren und hier Erfahrungen zu sammeln. Mit der Zeit wird es dann die Möglichkeiten geben, in angrenzende Disziplinen abzuspringen und/oder auch Projektmanagement-Verantwortung zu übernehmen. 

7. Ist das für Beratungshäuser heute auch schon ein Thema? Oder ist das bislang noch ein Ansatz, der in Hochschulen bzw. Universitäten in der Theorie gelehrt wird? 

Ich denke, dass die Dienstleistungsunternehmen hier zumindest gedanklich schon weiter sind. In der Praxis sprechen wir hier sicher von einem Prozess, bis die Rollen und Funktionen sich neu sortiert haben. Dies hängt erfahrungsgemäß auch immer von der Nachfrage durch die Kunden und deren Projekte ab. Sobald aber der überwiegende Teil der eigenen Kunden keinen ordinären SAP Berater mehr anfragt, sondern immer häufiger BI-interdisziplinäre Funktionen erforderlich werden, wird sich die Dienstleister dem stellen. Hier wird es ein paar kleinere Boutiquen geben, die sicher etwas agiler in ihrem Angebot sind, als dass das die großen Systemhäuser sein können. 

In jedem Fall wird dieser Prozess nur dann erfolgreich sein, wenn man sich als Dienstleister bewusst ist, dass diese Umstellung ein permanentes Invest erfordert. Ich kann eben nicht meine Berater fünf Tage in die Projekte verplanen und davon ausgehen, dass man nach Dienstschluss im Hotel mit gänzlich neuen Technologien und Anbietern auseinandersetzt. Hier braucht es einen strukturierten Ansatz. Nur wer gewährleisten kann, in technologischer Sicht up to date zu sein, verdient sich das Vertrauen der Kunden und wird dem Wettbewerb eine Nasenlänge voraus sein. 

Die Hochschulen werden in Folge die zukünftigen Berater mit dem nötigen Rüstzeug versehen, die sie benötigen. Keine Frage - Dabei ist ein gewisser zeitlicher Versatz zu berücksichtigen. Gleichwohl bringen die Hochschulabsolventen heute bereits völlig andere Kompetenzen mit, als das bei den Absolventen vor 15 Jahren der Fall war. 

Vielen Dank für das Interview, Herr Eiduzzis.