Remote Arbeit und die 5-4-3-Regel im Jahr 2022

Insbesondere die letzten zwei Jahre haben gezeigt: Es muss nicht alles vor Ort passieren. Gerade Arbeitnehmer und Freelancer aus der IT-Branche haben es leicht, ihre Arbeit remote zu erledigen. Doch wie sieht remote Arbeit oder Homeoffice für die Beraterbranche aus, die doch sehr vom persönlichen Austausch lebt? Im Interview mit Marcel Goldt, Personalberater und Senior Sales Team Manager bei Computer Futures, sprechen wir über den Status quo der 5-4-3-Regel und erfahren, welche Eigenschaften Berater jetzt vorrangig mitbringen müssen. Zudem geben wir Ihnen einige Denkanstöße mit, die Ihnen dabei helfen sollen, Ihre derzeitige Arbeitsweise zu reflektieren.  

1. Herr Goldt, Sie sind täglich in Kontakt mit Beratern aus dem SAP-Umfeld. Wie hat sich das Arbeiten aus Ihrer Sicht in den letzten zwei Jahren verändert? 

Natürlich fiel es insgesamt gesehen schon weg, sich morgens nicht mehr ins Auto, sondern direkt in den Nebenraum an den Schreibtisch zu setzen. Insbesondere Eltern mussten sich im Homeoffice deutlich umstellen, um Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Auch nach wie vor ist es sicherlich ein großer Spagat, vor allem wenn Kitas geschlossen sind oder Homeschooling ansteht. Es kommt hinzu, dass gerade Unternehmen aus dem Banken- oder Versicherungswesen vor großen Compliance-Thematiken standen. Der Wandel zu remote Arbeit war eine große Umstellung, doch die Unternehmen waren letztlich gezwungen, sich zu verändern. Gleichzeitig haben sie aber auch erkannt, dass im flexiblen Arbeitsort eine große Chance liegt. 

Dementsprechend hat sich der Alltag des (SAP-)Beraters, der ja in der Regel vier Tage die Woche beim Kunden vor Ort war, ebenso sehr verändert. Durch Homeoffice ist nicht nur der Arbeitsort flexibler geworden, sondern sie können sich auch einfacher Pausen einrichten: Beispielsweise können sie sich mittags Zeit für die Familie einrichten und dafür später am Abend weiterarbeiten. Die gesamte neue Situation hat dementsprechend interessante Auswirkungen auf die 5-4-3-Regel! 

2. Inwiefern wird denn aus Ihrer Sicht mit der 5-4-3-Regel umgegangen, wenn zukünftig gesehen das Reisen auch wieder einfacher möglich sein wird? 

Die Regel, fünf Tage die Woche zu fakturieren, vier Tage beim Kunden vor Ort zu sein und damit drei Nächte außer Haus zu verbringen, wurde in den Beratungshäusern heiß diskutiert. Man hat jedoch in den letzten zwei Jahren gemerkt, dass es auch anders geht – und so kommt man dementsprechend schnell zu dem Schluss, dass die 5-4-3-Regel nicht mehr zeitgemäß ist. Die „vier“ und die „drei“ existieren alleine aus dem Grund schon nicht mehr, dass Unternehmen – je nach pandemischer Lage – externe Fachkräfte zum Teil erst gar nicht in ihre Bürogebäude lassen. Doch es hat sich dazu auch eine neue Denkweise etabliert – viele Berater haben den Vorteil des Homeoffice natürlich auch für sich kennen- und schätzen gelernt. Und die Arbeitgeber gehen den Weg mit: Immer häufiger haben Berater nun einen Zusatz im Arbeitsvertrag, dass sie zu 50 Prozent der Zeit remote arbeiten können. Das kommt jedoch nicht zuletzt auch daher, dass durch das Homeoffice entsprechend viele Reisekosten und Spesen eingespart wurden, was das Unternehmensergebnis der Beratungen stark verbessert hat.  

Die andere Seite muss – trotz allem – dennoch betrachtet werden: Zu sehen ist ganz klar, dass die Beratung immer noch ein People Business ist und von der Interaktion – dem gemeinsamen Kaffeetrinken, Mittag- oder Abendessen – lebt. Es gibt nach wie vor Themen, die vor Ort gemeinsam besprochen oder bearbeitet werden müssen, da das zum Teil einfach effizienter ist. 

Nichtsdestotrotz muss eine entsprechende Balance gefunden werden. Wir stehen weiterhin vor einem Arbeitnehmermarkt und der Fachkräftemangel ist enorm hoch. Unternehmen haben durchaus realisiert, dass sie sich verändern müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und die besten Berater ansprechen zu können. Auch wenn das Reisen wieder einfacher wird, werden die Berater meiner Einschätzung nach nicht mehr auf das vor der Pandemie übliche Pensum zurückkehren. Ich denke dafür greift eine 1/3-1/3-1/3-Einteilung sehr gut: Ein Drittel der Zeit verbringt der Berater beim Kunden, ein Drittel im Homeoffice und wiederum ein Drittel im Büro. Anders gesagt, arbeitet der Berater vier Tage für den Kunden, ist im Schnitt ein bis zwei Tage vor Ort und hat einen Tag Zeit für das Team bzw. für Themen wie Weiterbildung. Zusätzlich muss allerdings auch die jeweilige Phase des Projektes beachtet werden – je nachdem ist eine häufigere oder sogar seltenere Präsenz notwendig.  

Darüber hinaus ist zu beachten, dass die nachkommenden Berater durch ihr Studium auch das Arbeiten von Zuhause aus kennengelernt haben und so ein neues (Selbst-)Verständnis für die Situation aufkommt. Ist man jedoch als Berater tätig, bedarf es trotz aller Neuerungen dennoch einer grundsätzlichen Bereitschaft für das Reisen und zumindest zwei Tage die Woche beim Kunden vor Ort zu sein. Sollte es das Projekt bzw. der Kunde erfordern, sollte zwischen Auftraggeber und Berater keine Diskussion über die Reisetätigkeit entstehen.  

3. Was muss ein Berater aus Ihrer Sicht mitbringen, um auch aus dem Homeoffice heraus die Arbeit erfolgreich machen zu können? 

Dafür ist vor allen Dingen eine gute interne Vernetzung und intakte Zusammenarbeit sehr wichtig. Jeder Berater muss wissen, wer aus dem Team welche Skills hat. Klar ist, dass es dafür eine starke intrinsische Motivation braucht - Genau das Gleiche braucht es natürlich auch beim Kunden, um herauszufinden, wer wofür zuständig ist. Zu beachten ist durch die remote Arbeit, dass es zahlreiche unterschiedliche Kommunikationsmöglichkeiten gibt, die je nach Unternehmen unterschiedlich eingesetzt werden. Ein Kommunikationsknigge, um sich auf dem richtigen Weg und im richtigen „Sprech“ auszutauschen, ist ein sehr wichtiger Punkt. Das erfordert seitens des Beraters entsprechend eine gewisse Sensibilität, Flexibilität und Agilität mit dem Annehmen neuer Situationen.  

4. Mit Daniel Eiduzzis, Manager Alliance & Business Development bei der initions AG, haben wir über eine noch weiter greifende Umstellung gesprochen: Der Wandel vom SAP-Berater zum (allgemeinen) IT-Berater. Inwiefern haben Sie durch Ihre Tätigkeit als Personalberater den Eindruck, dass sich die Rolle des (SAP-)Beraters ändern wird? 

Ich denke hierbei gibt es verschiedene Aspekte zu beachten: Im Bereich des Prozessberaters braucht es beispielsweise nach wie vor ein gewisses fachliches Wissen und den Fokus auf bestimmte Technologien. Sicherlich gibt es auch das ein oder andere Fremdsystem und insbesondere gestandene Unternehmen bleiben auch gerne mal bei dem ihren bekannten System – wie SAP. Ich sehe dennoch ganz deutlich, dass die klare Aufteilung in der BI-Welt zunehmend verschwimmt – da denke ich auch zuerst an den Data Scientist, dessen Rolle erst vor circa fünf Jahren aufgekommen ist.  

SAP hat mit der SAP Analytics Cloud (SAC) und dem Data Intelligence Gedanken Themengebiete miteinander vernetzt und kombiniert. Nicht vergessen werden darf letztlich, dass sich die Endkunden ebenso umsehen und umhören und gemäß ihrer Infrastruktur beraten werden möchten. Daher ist es wichtig, dass die Berater auch andere Lösungen anbieten können und damit einhergehend herstellerübergreifend denken können. Ich habe festgestellt, dass die Beratungshäuser bereits dabei sind, sich umzustellen, allerdings sprechen wir an dieser Stelle noch nicht von einem State-of-the Art-Vorgehen. Es gibt erst noch eine Menge Hausaufgaben zu machen, aber ich bin davon überzeugt, dass der Ansatz zunehmend hybrider wird. 

5. Was raten Sie vor diesem Hintergrund Universitätsabsolventen, die Fuß in der Beratung fassen möchten? Sollten sie sich dementsprechend überhaupt noch auf einen Teilbereich spezialisieren? 

Ein Berater muss erst einmal ganz grundsätzlich verstehen können, welchen Mehrwert die Systeme und Prozesse für das Unternehmen bringen werden und was genau die Anforderungen seitens des Anwenders sind. Darüber hinaus sollte jeder Berater den Blick weiten und die angrenzenden Prozesse und Systeme betrachten und einbeziehen. Zudem sollte jeder Berater ein Gefühl für Data Governance (wie im Interview mit André Weller, Senior Manager SAP Analytics bei ISR Information Products AG, angesprochen) bekommen und die Relevanz dessen kennen. So kann letztlich sichergestellt werden, dass Projekte ganzheitlich betrachtet werden. 

Ich sehe darüber hinaus eindeutig, dass der Fokus immer noch auf konkreten Prozessen und Fachbereichen liegt – das geht also nicht verloren. Und klar ist, dass es neben Generalisten nach wie vor Spezialisten in bestimmten Bereichen und eine entsprechend gute Kommunikation zwischen den verschiedenen Fachkräften braucht. Universitätsabsolventen rate ich daher durchaus, sich nach wie vor zu spezialisieren, allerdings sollten sie sich auch intensiv mit den angrenzenden Bereichen auseinandersetzen. 

Was wird Ihnen geboten? 

Denken Sie derzeit über einen Wechsel Ihres Arbeit- oder Projektgebers nach, da Sie insbesondere die remote Arbeit wieder oder weiterhin nutzen möchten? Im Folgenden geben wir Ihnen einige Denkanstöße mit, mithilfe derer Sie Ihre aktuelle Situation reflektieren können: 

  • Auf welche Art und Weise war es Ihnen beim Aufkommen der Corona-Pandemie möglich, für Ihren Arbeit- bzw. Auftraggeber remote zu arbeiten?  
  • Inwiefern hat sich speziell Ihre Arbeitsleistung dabei von der Arbeit vor Ort unterschieden? 
  • Welches Feedback haben Ihnen die Auftraggeber bzw. Kunden gegeben? Haben Sie die Möglichkeit, sich bei ihnen (nachträglich) Referenzen einzuholen?  
  • Welcher Mix aus vor Ort und remote Arbeit ist aus Ihrer Sicht für Sie optimal?  
  • Was würden Sie sich von Ihrem Arbeit- bzw. Auftraggeber an Veränderung wünschen?  
  • Was läuft bei Ihrem Arbeit- bzw. Auftraggeber derzeit bereits gut und möchten Sie beibehalten?