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Dr. Stefan Müller-Wilken, Business Unit Manager für Java Consulting bei der Acando GmbH, spricht im Interview über die rasante Entwicklung des Themas Mobile und warum sich gestengesteuerte Programmfenster à la Minority Report nicht durchsetzen werden. 

Herr Dr. Müller-Wilken, Sie sind seit über einem Jahrzehnt im Bereich Mobile unterwegs, haben sogar Ihre Dissertation darüber geschrieben und dadurch einen tiefen Einblick in das Thema. Welche Entwicklung hat Sie bisher am meisten beeindruckt? 

Am meisten hat mich tatsächlich die mittlerweile absolut selbstverständliche Verfügbarkeit flächendeckender, schneller und – vor allem – nahezu kostenloser Breitbandnetze beeindruckt. Als ich um die Jahrtausendwende meine Promotion über die Integration mobiler Geräte in Unternehmensnetzwerke schrieb, war das noch blanke Utopie. Schon ‚always on‘ war aufgrund der mageren Batterielaufzeiten eine Herausforderung und die ersten Apple PDAs wurden von uns nicht ohne Grund scherzhaft als digitale Ziegelsteine bezeichnet. ‚Always connected‘ hingegen war Science-Fiction und das Geschäftsmodell von Twitter bei 20 – 30 Pfennig pro 160 übertragene Byte für uns schier unvorstellbar. Und heute wird man in der U-Bahn (!) misstrauisch beäugt, wenn man nicht über sein Smartphone im Internet surft. Tja, so ändern sich die Zeiten…  

Blicken wir in die Zukunft: Was wird in den nächsten fünf Jahren im Bereich Mobile passieren?

Ich denke, dass unsere Smartphones mit der rasant zunehmenden Anzahl an IoT-Devices um uns herum zu einem immer verfügbaren Netzwerk verschwimmen werden. Context Awareness, Adaptiveness und all die anderen Konzepte, die wir vor fünfzehn Jahren noch an der Uni entwickelt haben, werden in den kommenden Jahren zur Selbstverständlichkeit, die Geräte selbst zunehmend aus dem Blick geraten. Google hat es mit seinen Glasses angefangen, Amazon mit dem Dash Button konsequent weitergedacht und Elon Musk mit der jüngst angekündigten Hirn-Maschine-Kopplung seines neuen Unternehmens Neuralink in eine neue Dimension gebracht. Wobei: Bis wir an Google Maps nur noch denken müssen, um den Weg am Stau vorbei durch Hamburg zu finden, mag noch mehr als fünf Jahre dauern. 

Für die nächsten Jahre zeichnen sich einige Trends ab – vor allem Smart Home, E-Health (Wearables und Fitness-Apps) und Fintech werden an Bedeutung gewinnen. Wie werden sich diese Themen Ihrer Meinung nach in den kommenden fünf Jahren entwickeln?

Smart Home: Nun, hier bin ich zwiegespalten. Technologisch glaube ich, wie gesagt, dass die kommenden fünf Jahre den Durchbruch bringen werden. Geräte für den Zugriff auf das Smart Home werden so alltäglich wie die TV-Fernsteuerung und IP-fähige Sensoren so günstig, dass sie in jeden Lichtschalter wandern können. Gleichzeitig werden uns wohl auch weiterhin die künstlichen Barrieren der Hersteller begleiten, die schon seit vielen Jahren so manchen Gerätekauf in kurzer Zeit zur Investitionsruine machen. Um es mit der Adaption eines alten Sprichworts zu sagen: das Schöne an Home Automation Standards ist, dass jedes System seinen eigenen hat. Nur, wenn sich wirklich alle Hersteller zusammenraufen, wird in diesem Bereich in den kommenden fünf Jahren die Post abgehen – dann aber auch richtig!

E-Health: Hier bin ich mir nicht ganz sicher, ob das zunehmende Bewusstsein der Menschen für die Schutzwürdigkeit ihrer persönlichen Daten den immer kreativeren Geschäftsideen von E-Health Dienstleistern und Versicherern nicht den Garaus machen wird. Bereits heute wird zunehmend gefragt, was denn noch so alles mit den Daten meines Fitbit Trackers passiert, die mir einen günstigeren Krankenkassentarif sichern sollen. Und wenn nicht heute, dann ja vielleicht übermorgen. Nein, so lange es keine glaubwürdigen Antworten zum technischen – aber vor allem auch gesetzlichen – Schutz sensibler Daten gibt, werden die Menschen zurückhaltend bleiben. Und die Enthüllungen der jüngsten Vergangenheit legen die Vermutung nahe, dass diese Antworten noch länger als fünf Jahre auf sich warten lassen werden. Aber vielleicht erwarte ich auch zu viel von den Menschen…

Fintech: Ich denke, dass der Markt der Finanzdienstleister in Europa in den kommenden Jahren vor denselben Herausforderungen stehen wird wie jener der Automobilhersteller, wenn es um das autonome Fahren geht. Nicht die Technologie wird das Limit bedeuten, sondern die Gesetzeslage und nicht alles, was machbar ist, wird auch erlaubt werden. Crowdinvesting, P2P-Lending, Robo-Advisory: Machbar ist vieles und in den Startups wird vermutlich auch vieles in Richtung Marktreife getrieben werden. Aber dass der Gesetzgeber all das in den kommenden fünf Jahren auch für den Massenmarkt zulässt, glaube ich eher nicht.

Wie schätzen Sie die Themen Augmented und Virtual Reality ein? Wird es im Bereich Geschäftsapplikationen eine größere Rolle spielen? 

Das kommt wohl ganz auf Ihre Definition von „Geschäftsapplikation“ an. Ich glaube kaum, dass wir in absehbarer Zeit die Programmfenster durch das Büro wischen wie einst Tom Cruise in Minority Report oder Trader die Börsenkurse durch die Datenbrille sehen. Hier kann ich schlicht den Mehrwert nicht so recht erkennen. Nehmen wir auf der anderen Seite den Wartungstechniker auf der Flugzeugwerft, Mechatroniker in der Werkstatt oder den Polizisten auf der Straße, so sehe ich den Sinn sehr wohl. Und mit der zuletzt genannten Berufsgruppe sind wir dann eigentlich doch wieder bei Tom Cruise, nur hoffentlich weniger dystopisch.

In Ihrer Rolle als Business Unit Manager bei Acando haben Sie sozusagen einen strategischen Überblick: Wie sieht es mit „Mobile“ in Ihrer Abteilung aus? Haben Sie bei Projekten im Mobile-Bereich Erkenntnisse zu ROI, Budget, Rentabilität, prozentualem Anteil an der Gesamtzahl von IT-Projekten?

Ich will nicht mit Details langweilen, kann aber auf jeden Fall sagen, dass der Bereich bei uns kontinuierlich und sehr erfreulich wächst. „Mobile“ ist kein Experimentierfeld mehr, sondern wird von unseren langjährigen Kunden ähnlich unaufgeregt geplant und beauftragt wie eine Enterprise Java Anwendung.

Wie ist die Entwicklung bei Ihren Kunden? Welche Fragestellungen rund um Mobile treiben diese an?

Für unsere Kunden – und damit auch für uns – ist die Herausforderung, wie man eine möglichst große Geräteabdeckung bei einer möglichst geringen Entwicklungsredundanz schafft und auf jeder Plattform gleichzeitig das bestmögliche Benutzererlebnis ermöglicht. Für unsere Entwicklungsteams stehen dabei Themen wie Native vs. Hybrid, Continuous Delivery und automatisiertes Testen ganz oben auf der Tagesordnung. Und unsere Experten verwenden gemeinsam viel Zeit auf den Entwurf sicherer und robuster Architekturen für unsere Kunden. Resilienz ist eines der ganz wichtigen Kriterien, die immer und immer wieder hinterfragt werden.

In Deutschland ist man eher risikoscheu und sehr auf Sicherheit bedacht – sind das Herausforderungen, die Ihre Kunden umtreiben? Wie gehen Sie mit solchen Bedenken in Ihrem Hause um?

Alleine der Begriff gibt dem Thema eine negative Konnotation, die ihm aus meiner Sicht nicht zusteht. Ich verwende lieber den Begriff des Risikobewusstseins, der dem Thema deutlich mehr gerecht wird. Natürlich ist die Risikobewertung ein wichtiger Aspekt jeder missionskritischen Anwendung und wir genießen fortwährend das Vertrauen unserer Kunden, solche Anwendungen entwickeln zu dürfen. Egal, ob Sony-Hack oder Beule im autonomen Google Car: jeder in der Branche weiß um die katastrophale Wirkung von Fehlern auf die Reputation eines Unternehmens. Wir nehmen dieses negative Potential sehr ernst und verwenden all unser Können darauf, Fehler so unwahrscheinlich wie möglich zu machen. Wir schulen unsere Mitarbeiter immer wieder in den neuesten Technologien zum Aufbau robuster Anwendungen. Und wir suchen stets nach neuen Mitarbeitern, die uns in diesem Streben unterstützen.

Sehen Sie außerdem besondere Herausforderungen auf dem Mobile-Markt?

Aus unserer Sicht gilt es vor allem zwei Herausforderungen zu meistern: Erstens, in einem sehr dynamischen Umfeld den Trend vom Hype zu unterscheiden und dabei unsere Zeit nicht auf Dinge zu verwenden, die aus dem Markt sind, bevor sie bei unseren Kunden überhaupt relevant werden. Und zweitens, immer wieder die talentiertesten Experten dafür zu begeistern, gemeinsam mit unseren Kunden Ideen umzusetzen. 

Zum Abschluss erlauben wir uns eine persönliche Frage: Welche Apps haben Sie auf Ihrem Startscreen?

Neben den üblichen Verdächtigen wie ‚Mail‘, ‚Safari‘, ‚Wallet‘ und ‚Lufthansa App‘ wären da ‚Chat Secure‘, mein ‚OTP Token‘ und das hervorragende ‚OmniFocus‘. Na, und bei mir als begeistertem Surfer darf natürlich der ‚Windfinder‘ nicht fehlen. Es ist manchmal ein guter Anreiz, am Freitagabend den Rechner in der Firma zu lassen, wenn man sieht, dass auf Fehmarn Windstärke 6 angesagt ist.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!


Über Stefan Müller-Wilken
Stefan Müller-Wilken ist Informatiker mit einem
Schwerpunkt im Bereich verteilter Systeme. Er leitet
bei Acando den Java-Bereich am Standort Hamburg.
Für namhafte Kunden im In- und Ausland realisiert er
Identity- und Access-Management-Systeme und berät
beim Aufbau unternehmensweiter Serviceplattformen.
Stefan Müller-Wilken berät häufig auf
Managementebene und unterstützt unsere Kunden
bei weitreichenden Unternehmensentscheidungen.